„Erkenne, was Dir unnötig Zeit und Energie raubt und schaffe so viel wie möglich davon ab“

step by step - Teilnehmer haben erkannt, wo sie sich selbst die Zeit stehlen oder stehlen lassen

Gespräch mit Silke Fröhlich, Diplom- Psychologin und Geschäftsführerin der step by step GmbH, über einen Workshop zum Thema „Zeitmanagement“. Verschiedene Workshops dieser Art wurden bei den diesjährigen Patiententreffen den Teilnehmern angeboten. Die Resonanz bei den Patienten und ihren Angehörigen war sehr groß.

Frau Fröhlich, Zeitmanagement hört sich eher an, als ob es für schwer beschäftigte Manager ein Thema ist. Wieso ist das Thema für Patienten interessant? Was kann man sich darunter vorstellen?

Fröhlich: Ja, Sie haben auf den ersten Blick Recht, wenn man das Wort Zeitmanagement (ZM) hört, denkt man an beschäftigte Manager. Aber wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass fast jeder von uns darüber klagt, dass wir zu wenig Zeit haben, dass wir gestresst sind und dass uns die Aufgaben über den Kopf wachsen. Dabei bedeutet Zeitmanagement, die Zeit, die uns zur Verfügung steht, nicht nur optimal zu nutzen, sondern auch so zu nutzen, dass noch genügend Raum für Entspannung, oder ganz einfach für die schönen Dinge im Leben bleibt. Und hier wird es für Patienten und deren Angehörige interessant: Die Krankheit selbst und all die damit verbundenen Einschränkungen und Hürden fressen zusätzlich enorm viel Zeit und Energie. Dabei haben insbesondere chronisch kranke Patienten den Anspruch an sich, so lange wie möglich gut zu funktionieren. Erholung und Spaß bleiben dann – mehr noch als bei gesunden Menschen – oft vollkommen auf der Strecke. Wenn man jetzt bedenkt, dass die Krankheit an sich ja schon enorm belastend ist, verlieren chronisch kranke Menschen oftmals gleich doppelt an Lebensqualität und Lebensfreude.


Personaltrainerin Silke Fröhlich hat den Teilnehmern des Fabry-Patiententreffens gezeigt, wie sie „Zeitfresser“ erkennen und was sie dagegen unternehmen können

Was ist im Gegensatz dazu Selbstmanagement?

Fröhlich: Es ist eigentlich kein Gegensatz, sondern eine Verfeinerung. In den Anfängen des ZM ging es darum, möglichst viele Techniken einzusetzen, die eine straffe und effiziente Zeitplanung erlauben. Da wurde in Minuten abgerechnet. In unserem Seminar sind wir einen Schritt weiter gegangen. Modernes Zeitmanagement versteht sich als Selbstmanagement (SM), das heißt: Was kann ich ganz individuell tun, um meine Zeit in den Griff zu bekommen? Dabei geht man im SM davon aus, dass jeder von uns in sehr unterschiedlichen Situationen Zeit verliert. Da hilft dann nur Selbsterkenntnis und Disziplin, um diese „Zeitfresser“ in den Griff zu bekommen. Ein Beispiel dazu: Sie können noch so gut Ihren Tag planen – wenn Sie es nicht schaffen, dem überaus geschwätzigen Kollegen oder der nervigen Nachbarin zu sagen, dass er/sie gerade stört, ist Ihr ZM schnell über den Haufen

geworfen. Das Verrückte daran ist, obwohl der Kollege und die Nachbarin offenbar stören, tun sie uns trotzdem einen Gefallen: Sie halten uns von der Arbeit ab! Ärgern tun wir uns meistens erst hinterher. Selbstmanagement bedeutet daher:

1. zu erkennen, dass es ganz allein an uns liegt, das Gespräch mit dem Nachbarn weiterzuführen oder abzubrechen und


2. wenn wir uns für das Abbrechen entschließen, dies auch konsequent mitzuteilen und umzusetzen.



Was wird in diesen Workshops genau gemacht? Was wird den Patienten vermittelt?

Fröhlich: Im Wesentlichen haben wir drei Dinge getan: Zunächst haben wir die Patienten gefragt, was sie tun würden, wenn sie eine Stunde pro Woche mehr Zeit hätten. Die meisten würden mehr für sich selbst tun: Die Wünsche reichten von Theaterbesuchen über mehr Sport bis hin zu einer Stunde „ganz allein für mich“. Dies waren dann auch genau die







Aktivitäten, die bei den meisten momentan gar nicht oder viel zu selten stattfinden, weil einfach keine Zeit dazu da ist. Danach hat jeder Patient für sich herausgearbeitet, in welchen Lebenssituationen er/sie regelmäßig Zeit verliert. Das ist aufgrund der verschiedenen Lebenssituationen für die Patienten sehr unterschiedlich: Der eine verbringt zu viel Zeit mit dem Suchen verlegter Gegenstände, der nächste ärgert sich über Mitmenschen, die mitten am Tag in ihr Heimbüro hereinschneien und plaudern wollen und noch andere übernehmen sich, indem sie sich zu viel aufhalsen, weil es ihnen einfach schwer fällt, Freunden oder Kollegen Bitten abzuschlagen. Im dritten Schritt haben wir uns einen kleinen Ausflug in die Psychologie gegönnt und uns gefragt, warum jeder von uns immer wieder in seine typischen Zeitfallen tappt. Das hat z. B. sehr häufig damit zu tun, dass wir den viel zu hohen Anspruch haben, immer perfekt zu sein oder Angst haben, Nein zu sagen. Andere Patienten können es nur schwer zulassen, Schwäche zu zeigen. Bevor sie sich eingestehen, dass sie etwas nicht schaffen, investieren sie unglaublich viel Kraft und Energie – obwohl sie dabei weit über ihre Belastbarkeitsgrenze hinausgehen.

Können Sie uns ein Beispiel aus dem Workshop beschreiben?

Fröhlich: Ja gerne. Eine Mutter im Workshop hat bei sich einen sehr hohen Drang zum Perfektionismus festgestellt.

Tischdekoration den Kindern zu überlassen – auch wenn diese dann eben nicht perfekt wird – war für diese Patientin ein Gedanke, der ihr zunächst schon schwer fiel. Und genau hier beginnt SM: Erkenne, was Dir unnötig Zeit und Energie raubt und schaffe so viel wie möglich davon ab. Das bedeutet aber eben auch, hin und wieder über den eigenen Schatten zu springen und „fünfe gerade sein zu lassen“.

Wie haben bei den Patiententreffen die Teilnehmer reagiert? Welchen Eindruck hatten Sie?

Fröhlich: Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Viele der Teilnehmer hatten Aha-Erlebnisse und haben für sich erkannt, wo sie sich selbst die Zeit stehlen oder stehlen lassen. Eine Patientin wurde sehr nachdenklich und hat zu verstehen gegeben, wie schwer es für sie ist, Schwäche zu zeigen. Sie beschrieb die besondere Herausforderung für chronische Patienten, zu zeigen, wenn die Kraft am Ende ist. Denn dieser Moment ist für Patienten ebenso wie für deren Angehörige oft ein Zeichen, dass die Krankheit voranschreitet und damit ein Zeichen, vor dem alle Angst haben.

Haben nur Patienten oder auch Angehörige von Patienten an den Workshops teilgenommen?

Fröhlich: Es haben sogar ganze Familien teilgenommen! Das war sehr spannend, denn Familienangehörige haben oftmals ein viel besseres Gefühl dafür, wo ein anderes Familienmitglied zu viel Zeit und Energie läßt als der Betreffende selbst. Das haben wir im Workshop gut nutzen können.

Was ist für die Patienten und ihre Angehörigen das Besondere an den Workshops?
Fröhlich: Ich habe eine große Offenheit in der Runde gespürt. Dadurch, dass sich viele Patienten schon kannten, gab es keine Berührungsängste. Viele Patienten haben offen über ihre Themen gesprochen und was mich persönlich am meisten gefreut hat: Wir haben viel gelacht! Mit etwas Humor lässt sich ja bekanntlich vieles leichter packen!

Viele Ansätze des Zeitmanagements setzen voraus, dass man selbst über seine Zeit oder über die Aufgaben entscheiden kann. Was kann man aber verändern, wenn man fremdbestimmt ist, d. h., wenn z. B. der Arbeitgeber oder der Vorgesetzte die Vorgaben macht? Besteht dort überhaupt eine Möglichkeit, Techniken des Zeitmanagement oder Selbstmanagement anzuwenden?

Fröhlich: Das ist in der Tat die größte Herausforderung, sowohl für das ZM als auch für das SM. So berichtete ein Patient, dass er gar keinen Einfluss auf die Menge seiner Aufgaben habe. Da heißt es dann von oben: „Wir brauchen den Bericht bis 14 Uhr, basta!“ Hier helfen die Ideen aus unserem Workshop nur noch bedingt weiter – oder noch genauer gesagt: Sie könnten im Extremfall sogar dazu führen, dass jemand seinen Job verliert. Schließlich kann ich als Mitarbeiter nicht einfach über den Chef hinweg Änderungen im Zeitplan vornehmen. Was kann man nun tun? Ein erster Blick könnte in Richtung Gesamtorganisation gehen. Wenn ich als Trainerin in Unternehmen tätig bin, analysieren


Bei Familienfeiern ist es für sie allerhöchste Pflicht, dass der Tisch auf höchstem Niveau geschmückt ist und das Essen nur selbst zubereitet ist. Der Preis dafür: Hektik und Stress vor, während und nach dem Fest. Der Gedanke, hier Abstriche zu machen, d. h. z. B. die Torte beim Bäcker zu bestellen und die














Legen Sie Termine fest für die gewonnene Zeit, denn...

wir immer auch das Zusammenspiel verschiedener Teams und verschiedener Einzelpersonen sowie den kompletten Ablauf. Es ist immer wieder überraschend, wie viel Zeit Unternehmen mit einer besseren Organisation und auch besserer Technik sparen können. Dieser Auftrag muss natürlich von der Unternehmensleitung kommen – aber, man kann auch als Mitarbeiter Anregungen geben oder mit Kollegen selbst tätig werden.

Nun gibt es jedoch leider immer mehr Unternehmen, die personell unterbesetzt sind. Aus wirtschaftlichen Gründen ändert sich daran wohl auch nichts. Jeder, der in einem solchen Unternehmen arbeitet und insbesondere jeder Patient sollte sich dabei immer fragen, wie lange er einem solchen Druck noch gewachsen ist. Viele Menschen neigen dazu, aus wirtschaftlichen Gründen in solchen Betrieben zu bleiben. Doch statt nur zu denken „Ich kann es mir nicht leisten, zu kündigen“ muss man sich irgendwann auch die Frage stellen „Kann ich es mir überhaupt noch leisten, hier zu arbeiten?“

Und auch hier sind chronisch kranke Patienten wieder besonders gefordert. Wir wissen, dass selbst gesunde Menschen oft erst dann ihre Erschöpfung erkennen, wenn sie zusammenbrechen oder es zu einem Tinnitus, Herzinfarkt oder anderen starken Stress-Symptomen kommt. Chronisch kranke Menschen haben verständlicherweise

dabei oft noch weniger Gespür dafür, dass sie überlastet sind. Denn oft werden die Stress- Symptome als Fortschreiten der Krankheit interpretiert.

Daher empfehle ich allen – Patienten ebenso wie Angehörigen – sehr sorgsam auf die typischen Symptome des chronischen Stresses zu achten: Erschöpfung, Kopfschmerzen, Lustlosigkeit, das Gefühl, ständig überfordert zu sein, Schlaflosigkeit und häufiges Grübeln zählen dazu. Wenn Sie diese Symptome bei sich wahrnehmen, helfen spezielle Methoden, die Ärzte und Psychologen anbieten. Wichtig ist es, den ersten Schritt zu tun und – trotz aller Erschöpfung – noch einmal aktiv zu werden, um sich selbst zu helfen.

Die Patienten mit lysosomalen Speicherkrankheiten können dabei auch auf die Unterstützung von Susanne Kuß (Psychosoziale Begleitung) setzen und mit ihr erste Schritte planen. Besonders erschwerend kommt nun für die Patienten hinzu, dass sie oft befürchten, nur schwer einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Viele positive Beispiele zeigen jedoch, dass dies kein Hinderungsgrund sein muss. Hier lohnt sich durchaus die Suche – natürlich am besten aus der ungekündigten Stellung heraus. Und schließlich hilft oft auch das Gespräch mit Kollegen und Chefs. Wenn alle Kollegen denselben Stress verspüren, kann man gemeinsam auf den Chef zugehen.

Und selbst wenn man ganz alleine betroffen ist: Reden Sie mit dem Chef und suchen Sie gemeinsam nach Möglichkeiten, den Druck zu entschärfen. Solange Mitarbeiter funktionieren, sehen die meisten Chefs auch keinen Bedarf zu handeln.

Nach einem Workshop besteht ja die Gefahr, dass die Erkenntnis oder der gute Vorsatz nach einiger Zeit wieder im Sande verläuft. Was können die Teilnehmer dagegen tun? Was empfehlen Sie hier?



Fröhlich: Ja, insbesondere bei dem Thema Selbstmanagement ist diese Gefahr groß, denn um die Vorsätze umzusetzen, braucht man viel Selbstdisziplin. Damit die Erkenntnisse besser in Erinnerung bleiben, habe ich die Teilnehmer gebeten, ihre Haupterkenntnis aufzuschreiben. Genau genommen haben die Patienten nur eins aufgeschrieben: das, was sie konkret mit ihrer einen Stunde an gewonnener Zeit machen wollen. Aber auch das ist natürlich keine Garantie dafür, dass alle Erkenntnisse behalten und umgesetzt werden. Was ich den Teilnehmern empfehle, ist Folgendes: Wenn Sie im Workshop erkannt haben, was Ihnen am meisten Zeit raubt, erinnern Sie sich immer wieder selbst daran. In der Regel sind es immer wiederkehrende Situationen. Zur Erinnerung können auch kleine rote Klebepunkte an einer Stelle helfen, wo Sie sie genau in dem Moment sehen, in dem die Situation eintritt (also z.B. ein Klebepunkt am Türöffner, wenn der gesprächige

…„morgen ist auch noch ein Tag“ verringert die Chance, gewonnene Zeit zu genießen

Nachbar immer wieder Zeit raubt oder einen Punkt am Telefon, wenn die Zeiträuber per Telefon zuschlagen). Und ganz wichtig: Legen Sie einen konkreten Termin fest, wann Sie die gewonnene Stunde mehr pro Woche einlösen. Selbstmanagement lebt von der Regelmäßigkeit. Wenn Sie einmal pro Woche Sport machen wollen, kommt oft am Freitagabend das Erwachen „dass die Woche ja schon wieder vorüber ist“. Wir leben eben vielfach nach dem Motto „morgen ist ja auch noch ein Tag.“

Wenn der Termin aber „Mittwoch, 18.00 Uhr Sport“ lautet, erhöhen Sie die Chance, dass Sie Ihr Vorhaben auch umsetzen, erheblich.

Das step by step Seminar: „Zeitmanagement“; hier als PDF-Download